Ein Geschenk von weit weg.

Das mit dem Erinnern ist ja bei mir, wie erwähnt, so eine Sache. Ich weiß nicht mehr, wann genau du und deine Familie zum ersten Mal da ward. In 2016 war die Diagnosestellung des Ewing-Sarkoms. Du hast sehr viele Therapieblöcke erhalten und alles wirklich stark durchgezogen.
Auch wenn alle Daumen und Gedanken bei Dir waren, hat es leider nichts gebracht und du bekamst ein Rezidiv und Metastasen. Es wurden viele Gespräche geführt, mit dir, deinen Eltern und Geschwistern. Medizinisch wurde alles versucht. Weitere Chemotherapien und Bestrahlungen…doch das Eis wurde dünner.

Ich weiß noch genau wie ich jeden Tag, in diesem Sommer, auf die Arbeit gefahren bin und mich an der Übergabe eigentlich doch nur interessiert hat, wie dein Tag war. Es gab Leute, zu denen hattest du in dieser Zeit mehr Vertrauen als zu Anderen, hast Themen mit ihnen besprochen, die dir unangenehm waren. Klar hat unser Team gewusst, von wem du lieber betreut werden magst und das haben wir ermöglicht. Für Dich!

Ich denke an deine schlechten Tagen, die mit Erbrechen und höllischen Schmerzen angefangen haben. Wo ich neben allmöglichen Medikamenten manchmal einfach nur neben dir sitzen und dich beruhigen konnte.
Ich denke aber auch deine guten Tage. Du wurdest einmal morgens wach, hast zu mir gesagt, dass ich deinen Dormicum-Dauertropf (lief immer über Nacht) ausmachen sollte. Dann bist du aufgestanden, hast dich gestreckt und gesagt:
Das war die beste Nacht, die ich seit ich hier bin hatte!
Für dich war es nur eine ehrliche Aussage, für mich war genau diese Aussage mein tägliches Ziel.

Aber der medizinische Verlauf war mir ja dennoch stets bekannt. Du hattest eine Schmerzpumpe, deren Inhalt, Rate und Boli beinahe täglich erhöht worden sind. Deine Schmerzen wurden mehr und zeitgleich gewöhntest du dich an die Schmerzmittel. Gegen Ende waren in deiner Pumpe 900mg Palladon, die oft nur einen Tag gereicht haben. Dazu Novalgin, Dormicum, Ketanest S als Dauertropf. Und unter diesen Medikamenten waren deine Freunde da. Den ganzen Mittag hörte man Lachen und Freude aus deinem Zimmer. Du hast den Tag so genossen und noch lange davon gezehrt.
Ich für mich denke, dass du ab diesem Tag vielleicht sogar bereit warst zu gehen.

Und ich denke, dass du dir den Zeitpunkt auch ausgesucht hast. Ein Samstag, ich hatte Spätdienst. Du hast den ganzen Mittag ruhig da gelegen und alle waren bei dir. Aber du hattest keine Schmerzen. Ich weiß das so sicher, weil ich dein Gesicht bei Schmerzen genau kannte. Dein Atmung wurde langsamer, intensiver. Und du bist eingeschlafen. Ohne Schmerzen.
Du hast einmal zu mir gesagt, dass ich unbedingt dafür sorgen soll, dass du keine Schmerzen hast. Diesen Wunsch habe ich dir erfüllt!

Die Stille, die dann den Raum füllt ist mit Worten nicht zu beschreiben.

Jetzt vor gut einer Woche stand ein Päckchen für mich auf der Arbeit. Es wäre von dir, deine Schwester hat es gebracht. Ich packte es ein und entschied es zuhause, für mich alleine, zu öffnen. Zusammen mit einem schönen Lied von Reinhard Mey.
Lass nun ruhig los das Ruder, dein Schiff kennt den Kurs allein.

Man erzählt soviel, ich hätte dieses Geschenk nie vermutet. Ich glaube ich hab dir nur ein einziges Mal erzählt, dass ich viel Rad fahre, wenn ich frei habe. Was liegt für dich dann näher als eine Fahrradflasche mit einer Gravur:

„Zehntausend km, doch du gibst noch Gas.
Und brauchst nie wieder Schlaf,
denn du lebst den Traum.
Gute Fahrt – L .“

Danke, dass ich Dich kennenlernen durfte und machs gut!

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Veröffentlicht von

Chemokasper

Pfleger auf einer Kinderonkologie. Rennrad und MTB. Berge. Apollonstudent. Einblickgeber.

2 Gedanken zu „Ein Geschenk von weit weg.“

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