Wo bin ich hier…und warum?

Jetzt sitzt du also auf dieser Untersuchungsliege. Mama und Papa sind da, schauen aber irgendwie komisch. Mama sieht sogar aus, als hätte sie Tränen in den Augen. Vor dir sitzt diese Frau in einem blauen Kittel. Vielleicht magst du ja blau, aber momentan weißt du nur, dass sie Ärztin ist. Sie redet viel mit deinen Eltern, stellt Fragen:
War ihr Sohn oft krank? Sind Allergien bekannt? Blablabla.

Während die Ärztin alles mögliche aufschreibt, misst dir jemand den Blutdruck, die Temperatur, Größe, Länge, Kopfumfang.  Das war nicht schlimm, doch dein Blick wird panisch, als du das Tablett mit den Utensilien für die Blutentnahme entdeckst. Da hilft oft kein langes Zureden, du wirst nicht stillhalten, was ich auch gut verstehen kann. Ein Stich in die Haut tut weh! Doch auch das meisterst du, irgendwie, suchst dir weinend ein Trostgeschenk aus und willst am liebsten nach Hause.

Und so leid es mir tut. Du kannst nicht nach Hause. Nach einigen Untersuchungen, zu denen du eine so genannte Schlafmilch bekommen hast, erkennst du am Verhalten deiner Eltern schnell, dass irgendetwas nicht stimmt. Du wirst es nicht verstehen, aber du hast Krebs. Mama weint viel, Papa starrt manchmal nur in eine Ecke. Und immer wieder diese Fragen, die deine Eltern den Leuten in blau stellen. Woher kennen sie die eigentlich? Dabei findest du es hier garnicht so schlimm. Das Blutdruck und Temperatur messen tut wirklich nicht weh und, ich meine, hast du mal das Spielzimmer gesehen? Da werden Kinderträume wahr.
Einmal wird es noch sehr schwer für dich. Du musst zu einer Operation und bekommst einen Schlauch eingebaut, aber wie du richtig erklärt bekommst, fallen danach die Stiche für Blutentnahmen weg. Und auch wenn du wirklich laut mitteilst, dass du keine Lust auf eine OP hast, wirst du in einigen Tagen merken, dass dieser Schlauch wirklich hilfreich ist. Über ihn bekommst du Medizin, die dir dein Leben retten wird.

Doch wie erklärt man das einem Kind?
Säuglingen und Kleinstkindern sind Erklärungen meist egal. Die denken: „Das ist nicht Mama oder Papa! Das ist nicht gut!“
Mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen kann man sehr sachlich reden. Die verstehen was eine Chemotherapie ist und fragen in den meisten Fällen auch nach, wenn sie etwas nicht verstanden haben. Aber was ist mit (Klein)Kindern, die alles wissen und verstehen wollen?

„So Max, der Arzt hat ja eben das Vincristin gespritzt. Zuvor hast du Zofran und Dexamethason als Kurzinfusion bekommen und ich hänge jetzt das Etoposidphosphat an. Das läuft über eine Stunde und während dem Einlaufen mache ich dich an den Überwachungsmonitor.“
Ich denke das wird Max sicher verstehen und abnicken.

Nein so läuft das nicht. Es gibt zwei Kinderbücher, die mir bekannt sind. Der Chemokasper (für Chemotherapie) und Radio-Robby (für Bestrahlung). Das sind Superhelden, die gegen böse Zellen kämpfen. Auch wenn diese Bücher wirklich alt sind, verfehlen sie ihre Wirkung nicht. Die meisten Kinder lieben es, sich vorzustellen, dass die Beutel, die angehängt werden in ihrem Körper wirklich was Vorstellbares machen. Abgesehen von den beiden vorgegebenen Helden, gibt es auch individuelle Helfer, die sich Eltern oder Kinder ausdenken. Ob das Legofiguren, Filly-Pferde oder Fussballstars sind, die helfen möchten. Es liegt an mir, darauf einzugehen, das Ganze mitzuspielen. Es macht vieles einfacher und manches sogar erst möglich.

Stellt euch vor, ich bringe den Chemobeutel und es ist die Lieblingsfigur als Ausdruck aufgeklebt. Es fühlt sich manchmal paradox an, wenn ich beim Anhängen in leuchtende Augen sehe. Das Kind freut sich. 

Nochmal weg vom Kind, hin zu den Eltern und etwas sachlicher. Eltern oder Angehörige erhalten nach Diagnosestellung ein Gespräch, ohne Kind. Dabei wird das Procedere besprochen und auf alles hingewiesen, was damit einhergeht. Solche Gespräche können lange dauern und es wird niemals jemand danach keine Fragen mehr haben. Bei Neuerkrankungen besteht der größte Teil meiner Arbeit aus dem Beantworten von Fragen und dem Aufbau von einem Vertrauensverhältnis. Ich liebe es Neuerkrankungen eine Woche am Stück zu betreuen und ich glaube das hilft den Betroffenen genauso. Die Person, die Neue als erstes kennenlernen, merken sie sich. Und wenn die Chemie stimmt, ist man ab dann sowas wie ein vertrauter Hafen, in dem man sich sicherer fühlt, als bei Anderen.

Ich staune immer wieder, wenn mir Eltern nach Jahren noch sagen: „Weißt du noch am 03.10.2014? Da waren wir zum ersten mal hier und du hattest Spätdienst und hast und aufgenommen.“

Nein, das weiß ich nicht mehr. Aber nicht, weil ich euch vergessen habe, sondern weil ich manches einfach vergesse. Und das ist auch gut so…

Euer Chemokasper.


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Veröffentlicht von

Chemokasper

Pfleger auf einer Kinderonkologie. Rennrad und MTB. Berge. Apollonstudent. Einblickgeber.

Ein Gedanke zu “Wo bin ich hier…und warum?”

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